Werte.
DIE ÄRZTIN SAGT: Kann ich mir alles nicht erklären. Vielleicht mal einen Allergietest machen (Allergie? Mein Körper führt sich auf wie der Typ in Clockwork Orange, ungeschickter Vergleich) und ansonsten Dosierung beibehalten. Aha. Ich werde um die Hälfte reduzieren und mal schauen, was diese naturheilkundlichen Mittel bewirken. Dann erzählt mir der Kunde, den ich richtig gut finde, er macht was mit Sportwetten. Als Job. Und ich denke kurz: hej. Ich meine, er zählt es zu seinem Beruf, Nachrichten über St. Pauli zu lesen! Bigger geht es ja wohl nicht. Im Schüppchen haben wir noch einen versteckten Lagerraum... da könnte man doch... bisschen illegal, aber... Mitten in die Überlegungen platzt mal wieder die kurzzeitig um die Ecke wohnende Familie herein. Das Äquivalent zu einer Mutter sind 4,5 Dominas. Minus etwaigem Lustgewinn. Zum Abschluss des Draußen-Tages im Supermarkt gewesen. Ich verliebe mich langsam in diese völlig versüffte Edeka-Kassiererin. Keine Ahnung, wie besoffen der Personalchef war, als er die Hand auf den Resopaltisch gekloppt und gelallt hat: "Mensch, Sie sind es, so Weiber wie Sie, die brauchen wir hier an der Kasse!". Das Weib ist so ein älteres, ausgemergeltes Frettchenpersönchen mit langen, fettigen, dunkelbraunen Haaren. Wahrscheinlich wären die Haare eigentlich sandfarben, aber da wohnt das Pommesfett des Lebens drin, darum sind sie jetzt dunkelbraun und hängen in breiten Tampen herunter. Sie hat lange, lange Fingernägel, gelb wie chinesische Hornhaut, und als ich heute an der Kasse stand, ausnahmsweise nur den zweit ungesündesten Einkauf auf dem Band (vor mir ein fast schon weinendes gut&günstig-Fertiggericht, Lasagne, da hat die einzelne Kiwi zwischen meinem Müll doch glatt das Ilse-Aigner-Rennen gemacht), da spuckt die verhornte Pommes-Kassiererin zu einer osteuropäischen Kollegin, die nicht viel mehr als die Zahlen und den Fastsatz "Tüte grross ode klajn" auf deutsch beherrscht: "Ich freu mich immer nur auf mein Bier und das Fernsehen. Ich trink so gerne Bier und guck fern." Manchmal denkt man ja, es wäre schön, endlich Gefallen an moderner Lyrik zu finden und damit seinen Lebensinhalt zu bestreiten. Aber wahrscheinlich wäre es noch schöner, so wie Miss Edeka 2010 fühlen zu können. In meiner Jugend hieß das, wenn ich mich recht erinnere, "saufen, knallen, Quark, alles für ne Mark". Wahrscheinlich heißt es inzwischen "Astra, Glotze, One-Night-Stand, alles für nur fünfzig Cent". (Die Sorte Reime, die man jetzt wochenlang zusammenfiedelt) Mir würde schon die prosaische Variante genügen: Ich trage ausschließlich meine verranzten Segelklamotten, gucke rund um die Uhr DVDs oder lese Schundkrimis, trinke Coke, esse alles, was es in Pappbehältnissen gibt, kümmere mich einen Dreck um das, was hoch im Kurs steht, die einzigen Zahlen und Werte, die mich interessieren, sind meine Highscores und die Harley-Tankanzeige. Das wäre es. Ist aber nicht so. Kriege ich auch nicht mehr hin. Bis auf die Schundkrimis und Coke, mit Glück die Harley. Ansonsten bleibt das Leben eine einzige Rechnerei. (Ich sage jetzt nicht: mit dem Schlimmsten. Das wäre - billig) Aber Schluss jetzt, Tabletten halbieren. Morgen spielt St. Pauli gegen Rostock. So aasig wie es mir geht, sollte ich mal wetten. Und die Zeit wird auch noch umgestellt. Ich muss rechnen.
kapitaelchen - 27. Mär, 21:54