Na dann
ALS ICH VOR RUND einem Jahr in die praktische, charakterlose Wohnung in der zahlenfixierten, neidischen Stadt eingezogen bin, habe ich gesagt: Wenn ich die furchtbaren lachsfarbenen Wände mal streichen und die Neureichen-Messinglampen mal austauschen sollte, dann heißt das, ich bleibe doch etwas länger. (So wie ich gesagt habe: Wenn Ihr hört, ich bin nach Paris gefahren und habe mich im Ritz einquartiert, dann bügelt schon mal meine Sargkleidung auf).
Jetzt sind die Wände dunkelgrau gestrichen, von der Decke hängen Bahnhofslampen.
Es ist kalt, stürmisch, regnerisch. Die Wände schlucken jedes Gefühl, die Bahnhofslampen enttarnen jeden Gedanken.
In 2 Wochen fahre ich in einen Kurzurlaub nach ... ins Hotel ...
Das Licht der Messinglampen war schöner. Man trägt wieder die klassischen, schwarzen Ray-Ban Wayfarer. Last.fm kann auch nicht überraschen. Es ist alles nur Pose. Natürlich.
kapitaelchen - 24. Okt, 18:06
SO. DA SIND WIR also wieder. Im letzten Monat genau 1 private Verabredung gehabt. Dafür den Umsatz um 25% gesteigert und Porsche gekauft. Die Speisekarte meines Seins.
Gestern dann im Sumpf gewesen, weil Geburtstag der Ahnen. Die Männer saßen auf der einen, die Frauen auf der anderen Seite des Tisches. Man nennt das, klärte mich einer der Herren auf, ostfriesische Sitzordnung. Gefällt mir gut. Kann man meinetwegen aufs ganze Leben anwenden. Ebenfalls meinetwegen müssen sich die Männer da gar nicht mehr an den Tisch setzen. Denn dann – nächste Erkenntnis – sähen sich die Damen wohl auch nicht mehr genötigt, sich die Frisur zu tönen, täglich selbstgeißelnd den aufwändigen Verputz- und Malerarbeiten im Gesicht nachzukommen und könnten mit diesem Doch-doch-ich-passe-in-das-Kaschmirfähnchen-Gepresse aufhören. Während die Kerle langsam verzotteln (und nur noch von ihren Gemahlinnen so halbwegs auf die Optik arrivierter Sozialdemokraten getrimmt werden können), sieht man den Frauen die Mühsal des permanenten Tunens an. In der Zeit könnte man viele Bücher lesen. Oder gegen Bahnhöfe protestieren. Bahnhöfe, an denen dann die jungen Geliebten ihrer weißhaarigen Männer warten werden. Ist mir doch egal.
Auf dem Spiegel-Titel heute also die Guttenbergs. Bisschen eklig. Das wäre dann der erste Bundeskanzler, der jünger ist als ich. Ich kenne solche Brisk-Boys und Gelbhaar-Gerten ja nur aus Agenturen. Mochte sie da schon nicht. Vorhin im Supermarkt sagte eine Frau: "Das sind die Schicksten von der Regierung." Und ich dachte so: Tja, mal zehn Vornamen hintereinander stöhnen, das würde dir schon gefallen, du dürres, tiefgebräuntes Weibchen mit den Schweizer Gletscherspalten im Gesicht. Meinetwegen, alles meinetwegen. Und was darf ich schon sagen? Ich fahre Porsche, vor Gericht ist das bestimmt ein Schuldbekenntnis für alles.
Ich saß gestern übrigens am Kopf des Tisch, genau auf der Naht zwischen Männern und Frauen. Hat mir auch nicht gepasst.
kapitaelchen - 18. Okt, 20:34
SO, DA bin ich wieder. Heil und rundherum gutartig, wie der Arzt gesagt hat. Tat weh, war unangenehm, die Karamellsuppe im UKE ist übel, übel, übel (und ich konnte nicht kotzen, dann wäre die 7cm-Kiefernaht explodiert). Im Krankenhaus habe ich ein Buch gelesen (O'Nan: Alle, alle lieben dich) und ich kann mich an kaum etwas erinnern. An nichts, ehrlich gesagt. Wie hieß das Mädchen, um das es ging? Kim? Oder war das der Name dieser bezaubernden Nachtschwester? (Ich glaube, die halbe Station machte gedanklich aus dem ersten h ein k) "Up in the air" habe ich auf dem iPad gesehen, davon weiß ich – auch nicht mehr so viel. Clooneys Wohnung hat mir gefallen, sah aus wie meine. Bis auf die Minifläschchen, die habe ich noch nicht. Und, ham wa was aus der ganzen vermaledeiten Tumor-oder-sonstwas-Geschichte gelernt? Klar. Es gibt kein Leben nach dem Tod, es gibt keine unsterbliche Seele, es ist der Welt drecksegal, ob man lebt oder nicht. Hätte man sich denken können. Und: Vorsicht, wenn man gleich nach der Vollnarkose sms schreibt, kann einem um die Ohren fliegen. Alles wichtig zu wissen. Macht zukünftige Entscheidungen jedenfalls leichter. Falls es übrigens Vanilleeis-Engpässe in der Republik gibt: war ich.
kapitaelchen - 17. Jul, 18:34
DANN JETZT DOCH endlich mal den OP-Termin bekommen. Wenn alles so geht wie ich es mir vorstelle (warum sollte es?), habe ich die arbeitgeberfreundliche Variante erwischt. Selbst die Voruntersuchung ist auf 7.30 terminiert, so dass mit Glück die Aushilfe nur kurz einspringen muss. Haben die WLAN im Krankenhaus? Kann mir gut vorstellen, wie das UKE wirbt "Die modernste Klinik in der schönsten Stadt Deutschlands mit dem fastesten WLAN", das schreiben sie ja immer, das mit der schönsten Stadt Deutschlands. Weiß der Himmel, wie sie darauf kommen. Ich brauche WLAN, sonst vergeude ich die Zeit nur damit, von Kubanerinnen, amerikanischen Motorrädern oder einer siegenden englischen Mannschaft zu träumen. "Ich brauche WLAN.", auch so ein Satz, den man vor zehn Jahren nicht kapiert hätte. Kleinbus? Holländischer Pudding? Na ja. Gestern dann auch noch endlich mal so Sachen wie Patientenverfügung, Vollmachten etc. zu Papier gebracht. Im Vordruck die Frage "Wer soll auf keinen Fall zum Betreuer bestellt werden"; das liest man dann ja als Eingetragener auch nicht gern. In bestimmt 30% steht da der Name der Mama, bin ich sicher.
Plan also: Am Sonntag mit der Fat Bob auf die Harley Days, am Montag um 7.30 im UKE zur Voruntersuchung, am Donnerstag wird dann aufgeschnitten, um zu sehen, ob das Ding nun bösartig ist, am Montag ganz früh wieder nach Hause, nachdem es gutartig war, am Nachmittag oder spätestens Dienstag zurück in den Laden. Im Krankenhaus endlich mal Zeit, um ein paar Sachen nachzuarbeiten. Hat ja bei dem kleinen Augen-Eingriff schon so hervorragend geklappt – war an vorletzten Donnerstag um 10 und ich dachte, na dann kann ich prima um 18 Uhr mit der Kampagne anfangen. Auch tatsächlich 6 Stunden gesleept, aber dann festgestellt: huch, das mit dem Sehen geht wirklich nicht so gut. Kurz erinnert, wie die Ärztin sagte: nicht lesen, nicht an den Computer, am besten ruhen (what does this word mean?) bis Sonntag. Habe ich dann eben am Freitag um 9 Uhr angefangen. Wissend, wie bescheuert das ist. Wissend, dass mir das schnell um die Ohren oder in diesem Fall auf die Augen fliegen kann. Wird. Wie auch immer. Ich freue mich auf die Harley Days, ich freue mich auf die Ruhe im Krankenhaus. Eins von beiden ist merkwürdig. Beides wahrscheinlich. Gestern ein Buch gelesen, das hauptsächlich im Krankenhaus spielt und in dem dauernd davon die Rede ist, dass zu den Patienten bald "Der Schnitter" kommen wird. Hat mir gut gefallen, der Ausdruck, nicht die Vermutung, dass Ärzte tatsächlich so agieren wie der Typ da in dem Buch. Aussage war schlussendlich: Leben ist Sex, der Rest ist meistens gelogen. Habe über diese Aussage nachgedacht, während ich im Bett lag, das Blinken des Rauchmelders angeschaut und festgestellt habe, dass ich sehr verschwommen sehe, was eine Folge der Nichteinhaltung der Augenärztinanweisung zu sein scheint. Ich stimme dem Autor bzw. seinem Protagonisten nicht zu (so würde man das im Parlament doch sagen, oder?). Leben ist zudem schlafen, essen, Motorrad fahren und singen. Und genau diese Dinge will ich dann auch bald wieder können. Essen und singen wird schwierig werden. Bliebe, schlafend Motorrad zu fahren. Auch ein Weg, dem Schnitter zu begegnen.
kapitaelchen - 21. Jun, 23:00
DAS GUTE AN Feiertagen wie Pfingsten ist, dass man sie durchplanen kann, ohne dass einem ein Kunde in die Quere kommt. Weil diese Feiertage aber auch seltenes Gut, Luxus, Freiheit sind, fängt der Stundenplan erst um 10.30 an. Es folgen 1- oder 2-stündige Blocks, die sich bis 22 Uhr ziehen, dann ist richtig, richtig frei. Das muss so sein, sonst kriege ich die 3 Jobs nicht geregelt, vor allem aber auch nicht die Planung des neuen sowie die Sporteinheiten, das Pflicht-Lesepensum und, bewerft mich mit Kieseln, Telefonate mit bzw. Mails an Freunde/Bekannte. Hätte ich dafür keinen Stundenplan, wäre mein Leben nicht nur so nutzlos wie es ist, sondern zudem noch eine unidentifizierbare Masse, die maximal in einem dreiminütigen Highscore-Erfolg bei einem Online-Spiel ihren Höhepunkt fände. Gefunden haben würde. Wie auch immer. Mein Gehirn bevorzugt die Wege durch den Wald, wo einem auf Wadenhöhe kleine Äste auf die Beine peitschen, und mein Herz verschwimmt zumeist in einem Sud aus Realität und Träumerei. Um Prozess und Ergebnis zu beschreiben, ist Zuckerwatte wohl das Produktäquivalent. Ergo ist preussische Disziplin Maß und Mittel. So bin ich im Januar nachts zum Fitness-Studio gerutscht und die anstrengendste Übung war die Bewältigung des dreiminütigen Fußmarsches. So schrieb ich wacker an einem Vortrag, obwohl mein Körperchen gerade beschlossen hatte, ein Ruhepuls von 97 wäre mal wieder angemessen. Und so quäle ich mich aktuell durch die Lektüre eines selbstgefälligen Romans, obwohl – na ja, es gibt tausend Gründe, sich nicht durch einen selbstgefälligen Roman zu quälen. Doch: Es steht auf der Liste und wartet darauf, abgehakt zu werden. Gestern also auch um 10.30 mit der Lese-Einheit begonnen, dann eine Stunde recherchiert, wie man aus einer Idee etwas machen könnte, dann eine Stunde das Bad geputzt, dann – den Hintern auf den Roller gesetzt, durch windy city geflitzt, kurz den Laden gecheckt und die nächsten neun Stunden Spaß gehabt. Die noch auf der Liste stehenden sieben Punkte ignoriert. Sport, Buchhaltung, der selbstgefällige Roman etc., der ganze Mist: mir doch egal. Ist Pfingsten. Familie, Freunde, alle stehen beim Bruder im Garten und wir machen Torwandschießen. Bauen das Autoradio ein. Überlegen uns, welche Prominenten wir unerträglich finden. Essen Spargel. Singen mit den Kids "Hurra, hurra, die Schule brennt". Schenke dem Neffen mein Panini-Album und der Nichte ein Malbuch (das ich mir gekauft habe, um den blöden Ruhepuls mal runter zu bekommen, hat nicht funktioniert). Eine Minute: Wir reden über Harleys, eine Frau ist im siebten Monat schwanger, im Hintergrund läuft Melody Gardot, draußen singt ein Vogel als wäre es ein Brüllwettbewerb, wir hocken da wie eine große Bauernfamilie, und ich denke: sehr schön. Stehe auf, hole mir noch eine Cola, höre meinen Neffen lachen und das ist das beste Geräusch der Welt. Ich bin inzwischen als Einzelgänger ziemlich perfekt. Aber das hier... Zuhause nehme ich den Stundenplan, streiche "Sonntag" durch und schreibe "Montag" darüber.
kapitaelchen - 24. Mai, 12:50
KRANK. Hatte schon vergessen, wie weh das tut. Samstag Job machen, um 14 Uhr Laden abschließen, besinnungslos nach Hause fahren, Filme angucken, Inhalt sofort vergessen. Nehme was für den Hals, was für die Lungen, was für den Kopf, was für alles. Wäre schön, wenn jemand die Sonne ausknipsen würde. "Requiem for a dream" und "Pi" sind der Sicht der Dinge auch nicht zuträglich. Lesen rauscht vorbei, könnte auch nächtliche Schneckenrennen anschauen, ähnlicher Nachhall. Der Arter, durchaus über den Zustand der Person informiert, nervt um 23.40, er hätte gern ein bisschen Arbeit von mir, gleich morgens um 9. Vor 3 Tagen kam abends die Mail "Melde mich um 22.30 mit Briefing, muss nachts noch fertig werden". Ja, es gibt Ansatzpunkte, Dinge meines Lebens zu verändern. Die Beste nimmt aus der Ferne Anteil und schickt aufmunternde Mails und Bilder. Auf einem sehen sie und der einzig wahre Hund aus wie Bonnie & Clyde. Durch die Wohnung wabert Wick Vaporub. Ich mache den Job, dann lege ich mich wieder hin und kriege keine Luft, dann stehe ich wieder auf, mache den Job und versuche, Luft zu kriegen, dann kann ich nicht mehr, lege mich wieder hin und so weiter. Draußen 21 Grad. Ich friere und überlege röchelnd, was letzte Woche so war, und mir fällt kaum etwas ein. Ein Abendessen, zwei 12-Jährige, die den GirlsDay im Laden verbracht haben, der Kleine hat mich besucht und beim Armdrücken besiegt, Essen mit den Verwandten, ein Streit am Telefon, es war hell letzte Woche, man hat mir Donnerstag einen Strauß in violett und champagner geschenkt, Freitag ein riesiges, ebenfalls violettes Stück Torte, Samstag einen Schokoladen-Marienkäfer, rot, dann noch das verspätete, hellgrüne Ostergeschenk vom Neffen, außerdem war da ein dreifaches Augenzwinkern plus merkwürdiges Lächeln von – ach egal. Die Domina ist kurz hereingeschneit und hat befohlen: Tür auf, wann immer möglich! Daher jetzt wohl dieser Bronchialkollaps. Dann noch zwei langweilige Bücher, unter anderem zum ersten Mal Mankell, so zäh. Und zudem natürlich der Anfall, jetzt mal ganz viele Filme sehen zu müssen. Keine Ahnung, woher die Schnapsidee kommt. Als hätte ich auch nur ein Viertelstündchen zu verschenken. Heute war in Hamburg Marathon. Ich schaffe es gerade mal so von Schreibtisch bis Sofa. Die Gedanken nicht einmal von Hirn bis Fingerkuppe. Also Schluss jetzt. War sogar zu schwach, um Nachrichten zu schauen, hatte Angst, ich würde anfangen zu weinen. Und womöglich war das noch eines der angenehmeren Wochenenden in diesem schrecklichen Jahr?
kapitaelchen - 25. Apr, 21:04
BEIM AUFWACHEN das Gefühl: Jetzt mach das mal, du feige Sau. Und dann ins Auto gesetzt, durch den Elbtunnel gefahren und eine Stunde später da gewesen, wo heute ohnehin die Familie versammelt ist. Mutter, Bruder, Nichte und Neffe geschnappt. Und zur Großmutter gefahren. Die ja inzwischen auf Urgroßmutter upgegraded wurde. Das nur nicht weiß. Wie auch sonst nichts. Zum letzten Mal vor sieben Jahren gesehen, da hat sie noch geredet. Aber auch schon fünf Sechstel von allem vergessen. Meine Großmutter hat an diesem Ostersonntag Geburtstag. Vor genau 90 Jahren ist ein kleines Mädchen, ebenfalls an einem Ostersonntag, ein paar hundert Kilometer südöstlich geboren worden. Was von damals bis jetzt passiert ist, ist ein ganzes Leben und eine Art von 0 auf 100 auf 85, 60, 20 und dann ziemlich schnell auf 0,9. Sie kann ein Lächeln andeuten, sie kann ein Weinen andeuten, sie kann essen und trinken, wenn man ihr dabei hilft, sie kann alle drei Wochen mal ein einsilbiges Wort sagen. Sie war eine dieser schönen, klaren Frauen, wie es sie so um die vierziger Jahre herum gegeben hat. Und jetzt hat sie drei Hüllen abgestreift. Geblieben ist ein zartes Wesen, ganz allein in einer Glaswelt, sie nimmt nicht mehr Raum ein als ein Hauch. Meine liebevolle Nichte streichelt ihre Urgroßmutter und legt ihr sorgfältig Schokolade in den zitternden Mund. Das einzige, was diese von sich aus tut, ist, die Hand meines Bruders zu suchen. Und er redet mit ihr in Worten und in einem Tonfall, dass man glaubt, nie wieder Angst haben zu müssen. Mein Neffe bleibt dicht bei mir, er streichelt sie kurz, so wie man einen zahmen Tiger streichelt, eher eine Mutprobe. Zum Abschied küsse ich sie auf die Stirn. Es gehört zum Seltsamsten, was ich getan habe. Ich nehme meinen Neffen an die Hand. Mein Bruder geht mit unserer Mutter und seiner Tochter voraus. Es ist der 4. April, zwischen Regenwolken scheint die Sonne, und ich erinnere mich, dass man die breiten Strahlen, die aus dem dunklen Himmel kommen, die Finger Gottes nennt.
kapitaelchen - 5. Apr, 22:43
DIE ÄRZTIN SAGT: Kann ich mir alles nicht erklären. Vielleicht mal einen Allergietest machen (Allergie? Mein Körper führt sich auf wie der Typ in Clockwork Orange, ungeschickter Vergleich) und ansonsten Dosierung beibehalten. Aha. Ich werde um die Hälfte reduzieren und mal schauen, was diese naturheilkundlichen Mittel bewirken. Dann erzählt mir der Kunde, den ich richtig gut finde, er macht was mit Sportwetten. Als Job. Und ich denke kurz: hej. Ich meine, er zählt es zu seinem Beruf, Nachrichten über St. Pauli zu lesen! Bigger geht es ja wohl nicht. Im Schüppchen haben wir noch einen versteckten Lagerraum... da könnte man doch... bisschen illegal, aber... Mitten in die Überlegungen platzt mal wieder die kurzzeitig um die Ecke wohnende Familie herein. Das Äquivalent zu einer Mutter sind 4,5 Dominas. Minus etwaigem Lustgewinn. Zum Abschluss des Draußen-Tages im Supermarkt gewesen. Ich verliebe mich langsam in diese völlig versüffte Edeka-Kassiererin. Keine Ahnung, wie besoffen der Personalchef war, als er die Hand auf den Resopaltisch gekloppt und gelallt hat: "Mensch, Sie sind es, so Weiber wie Sie, die brauchen wir hier an der Kasse!". Das Weib ist so ein älteres, ausgemergeltes Frettchenpersönchen mit langen, fettigen, dunkelbraunen Haaren. Wahrscheinlich wären die Haare eigentlich sandfarben, aber da wohnt das Pommesfett des Lebens drin, darum sind sie jetzt dunkelbraun und hängen in breiten Tampen herunter. Sie hat lange, lange Fingernägel, gelb wie chinesische Hornhaut, und als ich heute an der Kasse stand, ausnahmsweise nur den zweit ungesündesten Einkauf auf dem Band (vor mir ein fast schon weinendes gut&günstig-Fertiggericht, Lasagne, da hat die einzelne Kiwi zwischen meinem Müll doch glatt das Ilse-Aigner-Rennen gemacht), da spuckt die verhornte Pommes-Kassiererin zu einer osteuropäischen Kollegin, die nicht viel mehr als die Zahlen und den Fastsatz "Tüte grross ode klajn" auf deutsch beherrscht: "Ich freu mich immer nur auf mein Bier und das Fernsehen. Ich trink so gerne Bier und guck fern." Manchmal denkt man ja, es wäre schön, endlich Gefallen an moderner Lyrik zu finden und damit seinen Lebensinhalt zu bestreiten. Aber wahrscheinlich wäre es noch schöner, so wie Miss Edeka 2010 fühlen zu können. In meiner Jugend hieß das, wenn ich mich recht erinnere, "saufen, knallen, Quark, alles für ne Mark". Wahrscheinlich heißt es inzwischen "Astra, Glotze, One-Night-Stand, alles für nur fünfzig Cent". (Die Sorte Reime, die man jetzt wochenlang zusammenfiedelt) Mir würde schon die prosaische Variante genügen: Ich trage ausschließlich meine verranzten Segelklamotten, gucke rund um die Uhr DVDs oder lese Schundkrimis, trinke Coke, esse alles, was es in Pappbehältnissen gibt, kümmere mich einen Dreck um das, was hoch im Kurs steht, die einzigen Zahlen und Werte, die mich interessieren, sind meine Highscores und die Harley-Tankanzeige. Das wäre es. Ist aber nicht so. Kriege ich auch nicht mehr hin. Bis auf die Schundkrimis und Coke, mit Glück die Harley. Ansonsten bleibt das Leben eine einzige Rechnerei. (Ich sage jetzt nicht: mit dem Schlimmsten. Das wäre - billig) Aber Schluss jetzt, Tabletten halbieren. Morgen spielt St. Pauli gegen Rostock. So aasig wie es mir geht, sollte ich mal wetten. Und die Zeit wird auch noch umgestellt. Ich muss rechnen.
kapitaelchen - 27. Mär, 21:54
DER SOUND des Abends: ein Surren von Rädern, ein Schnurren von Laufbändern und das Stempeln von Schritten, dazu die leisen Fertigungsgeräusche des Körpermodellierens durch Gewichte, die mit flüsternder Altstimme nach oben und unten schleifen. Endlich: Ruhe. An jedem Gerät 2,5 Kilo mehr, jede Übung langsam, denn der Schmerz hier ist vielleicht das mea culpa, das den anderen Schmerz verringert. Ich verliere den Kampf gegen die Zeit jeden Tag. Nur hier nicht. Draußen verkleistert die Klarheit, als würde man aus einem fahrenden Auto den Kopf aus dem offenen Fenster halten und was sich daraus noch ergibt, dieses farbverschwommene Rauschen, ist das Schicksal. Agiert wie ein Feldmarschall. Die Tage, nein Wochen, nein Monate, nein Sekunden lösen sich auf wie eine Brausetablette, die man beiläufig in ein herumstehendes Wasserglas fallen lässt. Lauter kleine, wirr schwirrende Momente, willkürliches Schweben, uninteressiertes Zuschauen, es soll wirken, das ist der Sinn. Doch das Eigentliche hält den Abstand, also die Entfernung. Es wird nie werden. Und irgendwann ist man selbst einer dieser Menschen, die in Läden stehen und anfangen zu weinen. Bis dahin: so ein Lebensprolet. Die Frage, was von mir noch da ist, nach all der Erosion und der Höflichkeit. Na ja. Zu neunzig Prozent inzwischen ein Produkt soziologischer Ingenieurskunst, nein, schon brachialer, da ist viel Blut geflossen, und das war noch eine harmlose, weil eindeutige Flüssigkeit, ja ja, es sind die Flüssigkeiten, die uns ruinieren. Und kompatibel machen. Oder zumindest einbaubar. Ein Ausstattungsgegenstand in der Welt Weniger, die durch ihre geringe Anzahl aber nicht milder sind.
Der Frühlingsregen in der Nacht erinnerte mich an etwas, vielleicht war es auch der Geruch, der daraus entstand. Es hatte etwas mit einem prinzipiellen Konjunktiv zu tun. Und viel mit rennen so weit wie man kann, zumindest gehen. Dann wieder ein Blick auf die Hände, der reicht, um zu wissen: war einmal. Inzwischen geht gar nichts mehr, geschweige denn das ganze Subjekt, inzwischen bitte Dankbarkeit. Keine Metaebene, die den Fall abfedern würde, aber das wussten wir auch schon vor x Jahren, als wir noch in Kreuzberg an Eichentischen saßen und das Kerzenwachs abgepult haben, die einzig gültige Metaebene ist der Tod, was denn sonst, boring. Und ausgerechnet beim Abwaschen (warum zum Teufel benutze ich diesen Geschirrspüler nicht? Das ist doch auch schon wieder so ein verfluchtes Zeichen), also ausgerechnet beim Abwaschen der geklauten KPM-Urania-Teller der Gedanke: Für mich ist das hier aber New York. Die alte Frage: Gott oder die Idee davon. Klar, dass mir die Idee reicht. Und es funktioniert immer besser. Heligoland bisschen lauter gestellt, ja, das kann hier alles sein, was ich will. Ich muss es nur glauben. Ich, ich, ich. Wer immer das ist. Zurzeit jedenfalls der einzige Zeuge. Kein Kreuzverhör meinerseits, ganz bestimmt nicht. Lieber Gott, danke, dass du uns die Nacht gelassen hast.
kapitaelchen - 22. Mär, 21:40
HEUTE DIE erste Einladung außerhalb der familiären Verbindungen angenommen. Ein Essen, fünf Menschen, in einem Haus, in dem ich noch nie gewesen bin. Immerhin kenne ich alle Beteiligten, nun ja, eine davon zehn Minuten, mit der anderen habe ich mal eine Woche in der selben Firma verbracht, mit der dritten knapp ein Jahr, glaube ich, sehr schwache Erinnerung an die Zeit damals, aus den plausiblen Gründen: neunziger Jahre, ich unter Mitte 20, Astra als Dosen-Sixpack, Größenwahn, der sich nicht nach einem Blick in den Spiegel auflöste. Den vierten Menschen kenne ich auch aus der Zeit, allerdings habe ich in den letzten zwei Monaten mehr mit ihm geredet als in den zwei Jahren damals. Egal, ich werde da hingehen, was aber überhaupt nicht bedeutet, den Status quo - living in Amex-Müllkippe Hamburg - zu akzeptieren. Apropos: Es ist leer im Hamburger Westen. Skiferien. Hat der Bagger mit der Platinschaufel einmal zugegriffen und alles, was oben auf dem Geldhaufen saß, also neunzig Prozent, reingefressen, dann ein kurzer Schwenk nach Süden, aufgemacht, Hälfte rausfallen lassen: Die sind am Arlberg. Weitergeschwenkt, wieder geöffnet: Die gucken jetzt in der Schweiz auf den Schnee, das Gelumpe, das sie in Hamburg jetzt fast drei Monate vor den Porsche Cayenne-Stoßstangen gehabt haben. Und ansonsten bin ich mir inzwischen sicher, hier werden mehr Schlaf- und Schmerzmittel genommen als sonstwo in der Stadt. Hätte auch gern welche. Klinikpackungen, um präzise zu sein. Wahrheit ist doch: Es geht nicht um abzusagende Essenseinladungen, es geht um die Formel ich = Zeitvergeudung. Gestern in der Nacht tatsächlich die Angebote von Online-Apotheken verglichen. Und Gedanken über den überforderten Aldi-Kassierer mit den unfassbar dreckigen Fingernägeln, der meine zwei Packungen Schoko-Kekse über den Scanner gezittert hat, gemacht. Und dann noch, jetzt bekommt es Nizza-Niveau, eine Buch-Kritik für ein Seniorenheim geschrieben. Die Ich-wäre-so-gern-mondän-und-zappele-deswegen-mit-meinen-Händen-herum-bin-aber-nur-erfolglos-Aushilfe hat gestern zudem meine Handy-Nummer herausgegeben. Nächste Szene: Ich skalpiere sie. Zeit für Action. Danach zur Essenseinladung. Wildes Leben.
kapitaelchen - 16. Mär, 20:35