Na dann

Sonntag, 14. März 2010

Randvoll.

DAS GANZE Wochenende gearbeitet. Samstag bis mittags Job 1, dann nahtlos daran Job 2, nur kurz unterbrochen von Nacharbeit Job 1 und beide Tage von jeweils anderthalb Stunden Holmes-Kammer, Gewichte und Laufband, nachts dann zwei neue Bücher lesen, definitiv mehr Pflicht als Vergnügen. Morgen früh um kurz vor 9 wieder ins Auto Richtung Job 1 und garantiert einmal mehr das Zucken in der Hand, wenn es links auf die Autobahn ginge; einfach weg, nach Berlin, nach Paris (Vorteil: da verstehe ich nichts) oder meinetwegen auch wenden, auf der Autobahn selbstverständlich, und nach InteressiertmichalleseinenscheißdreckSylt. Während der Wochenendarbeiterei 2 Tüten Fred-Ferkel gegessen und 4 Liter Cola Zero getrunken. Der Rest war vielleicht noch ungesünder. Immerhin irritiert, als mir das Prickeln der Kohlensäure in der Flasche zu laut wurde. Bin gespannt, wann ich morgens wieder ein Taschenmesser einstecke. So, weiter jetzt.

Mittwoch, 10. März 2010

Unscharf.

ANDERE LEGEN sich eine neue Frisur zu, ich mir eine neue Brille. Wie sieht die Übersetzung einer Glatze aus? Ich nehme meinen Bruder mit zum Optiker, denn ich habe Angst vor mir. Da ich sonst nicht in Spiegel gucke, sage ich: "Visage hängt inzwischen ja ganz schön in den Seilen." Mein Bruder: "Och." Die Optikerin: "Sie sollten das operieren lassen." Ich: "Vielleicht kaufe ich doch keine Brille, sondern lasse mir den Kopf abhacken." Mein Bruder: "Nein. Guck mal, die ist cool, wie Buddy Holly." Die Optikerin: " - " Schließlich suchen die beiden für mich ein Gestell aus. Ist gut. Zum Abschied drückt mir die Optikerin eine Visitenkarte in die Hand. Von einer Fachärztin für Unfall- und plastische Chirurgie. Sagt: "Ich kriege dafür keine Provision!" Mein Bruder und ich, mal wieder gleichzeitig: "Warum nicht?" Eine dreiviertel Stunde später habe ich einen Termin gemacht. Ab 4. Mai wird mir das Gesicht neu eingerichtet (vulgo: Fresse poliert. Mehr noch. Alles poliert). Mit der Optikerin haben wir eine Kooperation eingefädelt. Mein Bruder fand sie nett. Ich eigentlich auch.

Montag, 8. März 2010

Gone.

ALS ICH HEUTE, an meinem freien Tag, aus dem "Vitalclub" kam, die Kopfschmerzen endlich weg, das hellblaue Polohemd durchnässt und die Rückenmuskeln wieder mit 2,5 Kilo mehr malträtiert worden waren, schien immer noch ein Rest von Wintersonne, aus unerfindlichem Grund ertönte ein Nebelhorn und genau bei diesem Geräusch wusste ich plötzlich, dass der Sommer 2003 für immer der beste meines Lebens gewesen sein wird. Es ist gar nicht viel passiert damals. Es war heiß, ich hatte einen zehn Meter breiten Balkon im 21. Stock, ich fuhr die ganze Zeit mit der Vespa durch Berlin und mein kleiner Neffe lachte laut, wenn er mich sah, eine halbe Stunde später schlief er meistens auf meinem Arm ein, und dann bewegte ich mich eine Stunde nicht, um ihn nicht zu wecken, und dachte an all die schönen Sätze, die wir uns sagen könnten, wenn er endlich sprechen würde. (Was er keine drei Monate später tat, und sein viertes Wort war: Schmetterling) Ich hatte eine beste Freundin, mit der die Zeit ganz einfach war, ich verdiente mein Geld leicht, ich war in zwei Frauen verliebt, die das beide nicht wussten. Ich las Ford Madox Ford, ich schrieb über das Wetter und über schmale Männeranzüge, ich trank Beck's, ich rauchte P&S aus dem Softpack, ich träumte die ganze Zeit, ich hörte so laut wie nie Musik, und ob auf dem Balkon, auf der Vespa oder auf dem Segelboot, ich hatte die ganze Zeit Gegenwind. Es war der coolste, wärmste und windigste Sommer meines Lebens. Und als ich es nicht mehr aushielt, geschah das genau am ersten Herbsttag.
Ich lebe seit vierhundert Jahren allein, und ich werde es die letzten fünf Jahre auch tun. Manchmal weiß ich nicht mehr, wer ich bin. Und es ist das erste Jahr, in dem ich mich nicht auf den Sommer freue.

Mittwoch, 3. März 2010

Ohne Worte.

LOSUNGEN-TAGESKALENDER heute: "Der Herr sprach: Mein Angesicht soll vorangehen; ich will dich zur Ruhe leiten." 2. Mose 33,14. Statt zur inneren Ruhe leitet mich jemand/etwas zur äußeren. Morgens noch zu matt für Selbstgespräche, forme ich das erste Wort, als mir auf dem Weg zur Bank eine Kundin begegnet, die mich freudig begrüßt (warum???). Was ich darauf antworte, verreckt nach einem Laut, den man vielleicht der Pinschersprache zuordnen würde. Übersetzung: Ich habe Angst vor allem. Was stimmt, was ich aber nicht sagen wollte. Im Laufe des Tages nie mehr als drei heisere Wörter hintereinander, danach versinkt die Stimme im Teufelsmoor meiner Seele. Ich merke, was für einen Haufen Sätze ich täglich in den Raum werfe. Ein Wunder, dass man sich zwischen all den Subjektprädikatobjekt-Balken, den Adjektivputten, den Interpunktionsdornen, dem Öl der Labiallaute, diesem ganzen Gedrechsele, Geballere, Geschmeide, Gekreuze und ja, dem ganzen Schleim überhaupt noch im Laden bewegen kann. Konnte, bis heute. Heute ist viel Platz. Fehlen einfach, die Wölkchen. Aus Beratung, sicher. Aber vor allem aus diesen Varianten von "Was für ein Wetter", "Jaja, Hamburg ist schon eine schöne Stadt", "Wie finden Sie denn...?". Die Ruhe ist kaum auszuhalten. Falls die Kundin nicht von selbst Lärm macht, lossabbelt, ohne sich von Dingen wie Sinn und Interesse beirren zu lassen. Hauptsache, es wird nicht leise. Abends kommen zwei große Hunde mit kleinen Mädchen dran herein. Sie gehen beide wortlos Richtung Küche, die Hunde natürlich. Gefällt mir. Und ich merke, was ich mir so alles erzähle. Irgendwie scheine ich mich gut von mir verstanden und unterhalten zu fühlen. Tatsächlich kommentiere ich sonst wohl mehr oder weniger laut jeden Mist, fällt mir heute auf. Habe viel Freude daran. Das fehlt mir gerade am meisten. Mir fehlt meine Stimme. Rein emotional. Das wiederum ist auch bedenklich. Ich habe geguckt. Morgen steht auf dem Abreißkalenderblatt: "Der Herr ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich", Psalm 145,3. Der HERR ist groß. Ich hoffe nicht, dass mir morgen etwas in der Richtung passiert.

Sonntag, 28. Februar 2010

Ausgekocht.

CIRCA 2x im Jahr denke ich: Kannst ja eigentlich auch mal selbst kochen. Irgendwo etwas gelesen oder gehört oder im Restaurant gewesen oder wie dieses Mal eine Tupper-Portion von der Schwägerin bekommen und eben gedacht: s.o. Dann gibt es da diese eatsmarter-Seite. Allein das Rezept auszusuchen zog sich über zwei Tage. Dann das Abwägen, wann überhaupt was zu schaffen ist. Glatt die Sportstunde vorgezogen, denn bei der Anleitung steht: dauert 45 Minuten. Bei mir also 2 Stunden. Zettelchen geschrieben (immerhin kein eigenes Dokument dafür aufgemacht) und durch den Edeka geirrt. Kräuter gekauft. Bohnen. Kartoffeln. Lachs, Frischkäse, Meerrettich. Usw. Auf der Suche so viele Lebensmittel gesehen, die ich nicht kannte. Bei Edeka gibt es unbekanntes Leben. Gut, jetzt ist es tot, aber früher hat es gelebt, denn Pflanzen leben doch, Fische sowieso, oder? Bevor sie dann etwas werden, was in Folie, in Blechdosen, in Plastiksäckchen auf Menschen wartet. Hm. Ich habe gekocht. Es hat 1 Stunde 15 gedauert. Es schmeckte - nicht schlecht. Gemessen an dem Aufwand war es kein cleveres Projekt. Für den umgerechneten Stundenlohn hätte ich einen Pullover kaufen können, der eine Haltbarkeit von vier Jahren gehabt hätte. Ja, ich hatte das Gefühl, ich hätte gearbeitet. Für mich. Wie überflüssig. Morgen gehe ich wieder zu den Schränken, wo das ganze bunte Zeug wie eine süddeutsche Herbstlandschaft in Frosta-Packungen eingefroren ist. Man muss nicht kochen, wenn man in einer Großstadt lebt. Man sollte das nur tun, wenn es sich rechnet. Außerdem irritiert es mich, wenn eatsmarter sagt, das seien jetzt 6 Portionen, ich esse die Hälfte und denke, da geht noch was. Kein gutes Gefühl. Und auf dem Air-Touchpad sind krümelige Stärkereste. Am nächsten Morgen riecht es immer noch etwas nach dem - Zeug. Der zarte Hauch der Niederlage. Heute bleibt die Küche kalt, sang man da früher. Kochen. Schnapsidee.

Dienstag, 23. Februar 2010

Anders unterwegs.

SCHON ein bisschen bitter, das Berliner Kennzeichen gegen ein Hamburger umtauschen zu müssen. War dann aber doch Faulheit und nicht Sentimentalität, den Zulassungsdienst damit zu beauftragen. Der kommt pünktlich in Form eines großen Mannes, der einen Quadratzentimeter seines Gesichts nicht rasiert hat. Und der so zittert wie ich während meiner schlechtesten Phasen. Oder wie die Geschäftsführerin in der ersten Agentur, die jeden Nachmittag eine Flasche Wein aufgemacht hat und erst dann so richtig in Fahrt gekommen ist. Schon merkwürdig, dass ein Alkoholiker mein Auto ummelden wird. Wir sollten alle nicht mehr fahren. Wenn ich so überlege, sollte man das Autofahren verbieten. Nur gegen Sondergenehmigung, nach ähnlichen Tests wie bei Astronauten und Päpsten. Herr M. nimmt mir also meine Papiere ab. Ich wünsche mir genau das Berliner Kennzeichen, nur eben mit HH vorne. Zwei Stunden später kommt er zurück. Ich muss was unterschreiben, bei dem Versuch, den Kugelschreiber aus seiner Mappe zu nehmen, ihn mir zu geben, ihn mir wieder abzunehmen und in die Mappe zu stecken, kommt es beinahe zu Verletzungen. Natürlich nicht. Aber es zeigt die ganzen Peinlichkeiten, mit denen die Sauferei verbunden ist. Und dann gibt er mir die Nummernschilder. Der Buchstabe, den ich wollte. Aber nicht die Zahl. Jetzt habe ich 1077. Ich gucke Herrn M. an. Frage ihn nicht, ob das Absicht war. Bedanke mich. Überlege. Man kann jeden Mist als Zeichen nehmen. Aber manchmal muss man es wirklich. Canossa. Ich habe ein Kennzeichen, das auf den Gang nach Canossa hinweist. Ich muss nachdenken.

Sonntag, 21. Februar 2010

Geht weiter

DIE Einsamkeit hat jetzt richtig Fahrt aufgenommen. Seitdem J. weg ist und damit auch noch dieser einzige kontinuierliche, wenn auch nur telefonische Kontakt fehlt, spielt sich in/mit mir das Gegenteil von dem ab, was gerade draußen passiert. Dort schmilzt der Schnee kontinuierlich weg. Hier frisst sich graues Metall rein. Keine Gegenwehr. Als ich am Morgen im Bett lag, einen finnischen Radiosender hörte (ich denke, diese ganz und gar fremde Sprache, kein Anhaltspunkt, war ein Funke mehr), erschien mir die Einsamkeit sehr deutlich nicht mehr nur als Option, sondern als - Fakt. Es fehlt noch etwas, zum Beispiel mit der Familie zu brechen. Da die jedoch ohnehin nichts von mir weiß, ist so ein Schluss-Akt irgendwie zu demonstrativ. Ich denke, das schleicht sich aus. Wie auch die anderen Kontakte, die paar. Denn dass ich immer merkwürdiger werde, ist nicht zu übersehen. Oder zu überspüren. Einsamkeit. Nur nicht wieder gleich ein Projekt daraus machen. Ein einsamer Sonntag. Klingt nach einem perfekten Tag.

Montag, 15. Februar 2010

Schon weg.

SEIT fünf Jahren ist Winter. Der ICE fährt von Berlin nach Hamburg, die Felder als wäre noch immer Nachkriegszeit. Die Sonne scheint und so sieht man auf dem Schneewall entlang der Strecke den Schatten des fahrenden Zuges, vor allem aber die 2, also die Zahl auf der Scheibe, die zeigt, wer hier zu sitzen hat. Alles etwas voraus, der reale Zug hechelt drei Meter hinterher. Eine Bahncard 100 kostet 3.800 Euro, für die 1. Klasse 6.400, und einen Moment lang denke ich, das wäre eine gute Investition, umsonst 1. Klasse fahren. Vor allem: nicht ankommen müssen. In welcher Klasse auch immer. Einfach weiter. Nicht nach Hamburg. Nicht in Altona aussteigen, nicht den Bus nehmen, nicht die Wohnungstür aufschließen, nicht wieder überrascht feststellen, welch hässliche Wandfarbe da vorherrscht, nicht wieder hoffen, dass man sie nicht mehr lange sehen muss. Und dann passiert alles genau so. Plus die letzten, völlig aus der Spur geschleuderten Raucher in der Februarluft an diesem metallisch hingerotzten Busbahnhof. Plus der Geruch von kaltem Cheeseburger im Bus selbst. Plus später eine tätowierte Eidechse auf einem aus der Form geratenen Frauenhintern im Elixia/Holmes Place. Bei Edeka erklärt ein Mann, wie man die Reife einer Ananas erkennt. Dass eine Ananas (noch nie gekauft) 1,49 kostet - Zahlentag heute, wie immer - erstaunt mich am meisten. Ich hätte geschätzt: 5, also 4,98. Bode Miller wird nicht 1. Danach den Tag abgeschaltet wie ein Radio. Das nahezu ununterbrochen "Pray for Rain" von Massive Attack gespielt hat. Zwischendurch mal Madsen. Merkwürdig. Hätte ich mir nicht so ausgesucht. Woanders ist Rosenmontag, sehe ich gerade. Meine Großmutter hätte gesagt: So hat jeder sein Päckchen zu tragen.

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