Ostersonntag. Mal wieder.

BEIM AUFWACHEN das Gefühl: Jetzt mach das mal, du feige Sau. Und dann ins Auto gesetzt, durch den Elbtunnel gefahren und eine Stunde später da gewesen, wo heute ohnehin die Familie versammelt ist. Mutter, Bruder, Nichte und Neffe geschnappt. Und zur Großmutter gefahren. Die ja inzwischen auf Urgroßmutter upgegraded wurde. Das nur nicht weiß. Wie auch sonst nichts. Zum letzten Mal vor sieben Jahren gesehen, da hat sie noch geredet. Aber auch schon fünf Sechstel von allem vergessen. Meine Großmutter hat an diesem Ostersonntag Geburtstag. Vor genau 90 Jahren ist ein kleines Mädchen, ebenfalls an einem Ostersonntag, ein paar hundert Kilometer südöstlich geboren worden. Was von damals bis jetzt passiert ist, ist ein ganzes Leben und eine Art von 0 auf 100 auf 85, 60, 20 und dann ziemlich schnell auf 0,9. Sie kann ein Lächeln andeuten, sie kann ein Weinen andeuten, sie kann essen und trinken, wenn man ihr dabei hilft, sie kann alle drei Wochen mal ein einsilbiges Wort sagen. Sie war eine dieser schönen, klaren Frauen, wie es sie so um die vierziger Jahre herum gegeben hat. Und jetzt hat sie drei Hüllen abgestreift. Geblieben ist ein zartes Wesen, ganz allein in einer Glaswelt, sie nimmt nicht mehr Raum ein als ein Hauch. Meine liebevolle Nichte streichelt ihre Urgroßmutter und legt ihr sorgfältig Schokolade in den zitternden Mund. Das einzige, was diese von sich aus tut, ist, die Hand meines Bruders zu suchen. Und er redet mit ihr in Worten und in einem Tonfall, dass man glaubt, nie wieder Angst haben zu müssen. Mein Neffe bleibt dicht bei mir, er streichelt sie kurz, so wie man einen zahmen Tiger streichelt, eher eine Mutprobe. Zum Abschied küsse ich sie auf die Stirn. Es gehört zum Seltsamsten, was ich getan habe. Ich nehme meinen Neffen an die Hand. Mein Bruder geht mit unserer Mutter und seiner Tochter voraus. Es ist der 4. April, zwischen Regenwolken scheint die Sonne, und ich erinnere mich, dass man die breiten Strahlen, die aus dem dunklen Himmel kommen, die Finger Gottes nennt.

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