Das zweite Gesicht.
DAS GUTE AN Feiertagen wie Pfingsten ist, dass man sie durchplanen kann, ohne dass einem ein Kunde in die Quere kommt. Weil diese Feiertage aber auch seltenes Gut, Luxus, Freiheit sind, fängt der Stundenplan erst um 10.30 an. Es folgen 1- oder 2-stündige Blocks, die sich bis 22 Uhr ziehen, dann ist richtig, richtig frei. Das muss so sein, sonst kriege ich die 3 Jobs nicht geregelt, vor allem aber auch nicht die Planung des neuen sowie die Sporteinheiten, das Pflicht-Lesepensum und, bewerft mich mit Kieseln, Telefonate mit bzw. Mails an Freunde/Bekannte. Hätte ich dafür keinen Stundenplan, wäre mein Leben nicht nur so nutzlos wie es ist, sondern zudem noch eine unidentifizierbare Masse, die maximal in einem dreiminütigen Highscore-Erfolg bei einem Online-Spiel ihren Höhepunkt fände. Gefunden haben würde. Wie auch immer. Mein Gehirn bevorzugt die Wege durch den Wald, wo einem auf Wadenhöhe kleine Äste auf die Beine peitschen, und mein Herz verschwimmt zumeist in einem Sud aus Realität und Träumerei. Um Prozess und Ergebnis zu beschreiben, ist Zuckerwatte wohl das Produktäquivalent. Ergo ist preussische Disziplin Maß und Mittel. So bin ich im Januar nachts zum Fitness-Studio gerutscht und die anstrengendste Übung war die Bewältigung des dreiminütigen Fußmarsches. So schrieb ich wacker an einem Vortrag, obwohl mein Körperchen gerade beschlossen hatte, ein Ruhepuls von 97 wäre mal wieder angemessen. Und so quäle ich mich aktuell durch die Lektüre eines selbstgefälligen Romans, obwohl – na ja, es gibt tausend Gründe, sich nicht durch einen selbstgefälligen Roman zu quälen. Doch: Es steht auf der Liste und wartet darauf, abgehakt zu werden. Gestern also auch um 10.30 mit der Lese-Einheit begonnen, dann eine Stunde recherchiert, wie man aus einer Idee etwas machen könnte, dann eine Stunde das Bad geputzt, dann – den Hintern auf den Roller gesetzt, durch windy city geflitzt, kurz den Laden gecheckt und die nächsten neun Stunden Spaß gehabt. Die noch auf der Liste stehenden sieben Punkte ignoriert. Sport, Buchhaltung, der selbstgefällige Roman etc., der ganze Mist: mir doch egal. Ist Pfingsten. Familie, Freunde, alle stehen beim Bruder im Garten und wir machen Torwandschießen. Bauen das Autoradio ein. Überlegen uns, welche Prominenten wir unerträglich finden. Essen Spargel. Singen mit den Kids "Hurra, hurra, die Schule brennt". Schenke dem Neffen mein Panini-Album und der Nichte ein Malbuch (das ich mir gekauft habe, um den blöden Ruhepuls mal runter zu bekommen, hat nicht funktioniert). Eine Minute: Wir reden über Harleys, eine Frau ist im siebten Monat schwanger, im Hintergrund läuft Melody Gardot, draußen singt ein Vogel als wäre es ein Brüllwettbewerb, wir hocken da wie eine große Bauernfamilie, und ich denke: sehr schön. Stehe auf, hole mir noch eine Cola, höre meinen Neffen lachen und das ist das beste Geräusch der Welt. Ich bin inzwischen als Einzelgänger ziemlich perfekt. Aber das hier... Zuhause nehme ich den Stundenplan, streiche "Sonntag" durch und schreibe "Montag" darüber.
kapitaelchen - 24. Mai, 12:50