HANSER wirbt u.a. mit dem zitierten Satz von Aftenposten: "Ein spannendes Buch mit einem starken, faszinierenden Schluss.". Darin sind so ziemlich alle Lügen über dieses Buch versammelt. Es ist langweilig. Richtig langweilig. Geraune um die großen Themen, so schon tausend Mal gehört, ein Klischee jagt das nächste und kriegt es auch, mit den Binsenwahrheiten geht es nicht anders, den Rest liest man in "Astrophysik für Dummies" oder "Eso for you" besser, der Schluss ist so unüberraschend wie die Standpunkte. Gefasel im Mail-Look. Glaubt man übrigens auch nicht, diese Konstruktion. Norwegische Fingerhut-Philosophie an Esoterik-Schleim. Langweilig, langweilig, langweilig. Gaarder lässt dozieren, man selbst gähnt. So ein überflüssiger Scheiß. Hoffentlich gibt es keine Fortsetzung in dem Stil: Jetzt sabbelt die Frau aus dem Jenseits und erzählt, wie das alles in Wirklichkeit ist, mit dem Tod und dem Leben und sowieso. Eine meiner Aushilfen, die Ich-würde-gern-in-der-Isestraße-wohnen-bin-aber-zu-arm-Lesbe, hat gesagt, den Gaarder verkauft sie mir locker und ungelesen. Geht auch nicht anders, wer den Mist durchlitten hat, fasst das Buch nicht mehr an. Als nächstes steht Walser auf dem Plan, "Mein Jenseits". Kann nur besser sein. Kunststück.
kapitaelchen - 22. Feb, 12:24
DIE Einsamkeit hat jetzt richtig Fahrt aufgenommen. Seitdem J. weg ist und damit auch noch dieser einzige kontinuierliche, wenn auch nur telefonische Kontakt fehlt, spielt sich in/mit mir das Gegenteil von dem ab, was gerade draußen passiert. Dort schmilzt der Schnee kontinuierlich weg. Hier frisst sich graues Metall rein. Keine Gegenwehr. Als ich am Morgen im Bett lag, einen finnischen Radiosender hörte (ich denke, diese ganz und gar fremde Sprache, kein Anhaltspunkt, war ein Funke mehr), erschien mir die Einsamkeit sehr deutlich nicht mehr nur als Option, sondern als - Fakt. Es fehlt noch etwas, zum Beispiel mit der Familie zu brechen. Da die jedoch ohnehin nichts von mir weiß, ist so ein Schluss-Akt irgendwie zu demonstrativ. Ich denke, das schleicht sich aus. Wie auch die anderen Kontakte, die paar. Denn dass ich immer merkwürdiger werde, ist nicht zu übersehen. Oder zu überspüren. Einsamkeit. Nur nicht wieder gleich ein Projekt daraus machen. Ein einsamer Sonntag. Klingt nach einem perfekten Tag.
kapitaelchen - 21. Feb, 15:39
SCHON wieder ein Krimi, bei dem die Handlung eigentlich nicht so wichtig ist. Also man braucht sie natürlich, denn sonst wäre es nur eine Studie, und das Buch stünde in einem anderen Regal. Aber im Grunde ist es völlig egal, wer warum von wem ermordet wurde. Um Mord geht es dann irgendwo doch immer noch. Das war bei Ken Bruen so, "Jack Taylor fliegt raus", und das war eben gerade bei Friedrich Ani "Totsein verjährt nicht" so. Zwischendurch habe ich mal von Lee Child "Größenwahn" gelesen (hat eine hübsche Kundin empfohlen), wo noch ganz klassisch Augäpfel zerquetscht wurden und es kompliziertere Konstellationen gab. Eher ein Hüftsteak unter den Krimis; mag ich mitunter auch sehr. Jack Taylor lebt von der Coolness, irisch. Polonius Fischer, der Kommissar bei Ani, von der Zerrissenheit, dem Selbstzweifel, deutsch eben. Und es gefällt mir gut. Vierzig Seiten vor Schluss war ich noch eimal im Fitnessclub, lief meine Kilometer auf dem Laufband, schaute dabei auf die Bahnschwimmer im Pool - und sie taten mir alle leid. Ich mir selbst auch, klar. Wir verlorenen Seelen. Schmerzen, umhüllt von atmungsaktiven Klamotten und abgefedert durch Stabilität verleihende Adidas-Schuhe, diese an Füßen, welche täglich durch das Fegefeuer gehen. Jetzt werde ich mich mit weidwunden Ani-Augen durch die Nacht schlagen. Morgen früh muss ich dann das neue Buch von Gaarder lesen. Komischer Beruf, in den ich da geraten bin. Aber praktisch, wenn man, wie ich, ohnehin keine eigene Perspektive hat. Eigentlich könnte ich mal wieder die Bibel lesen.
kapitaelchen - 20. Feb, 21:22
SEIT fünf Jahren ist Winter. Der ICE fährt von Berlin nach Hamburg, die Felder als wäre noch immer Nachkriegszeit. Die Sonne scheint und so sieht man auf dem Schneewall entlang der Strecke den Schatten des fahrenden Zuges, vor allem aber die 2, also die Zahl auf der Scheibe, die zeigt, wer hier zu sitzen hat. Alles etwas voraus, der reale Zug hechelt drei Meter hinterher. Eine Bahncard 100 kostet 3.800 Euro, für die 1. Klasse 6.400, und einen Moment lang denke ich, das wäre eine gute Investition, umsonst 1. Klasse fahren. Vor allem: nicht ankommen müssen. In welcher Klasse auch immer. Einfach weiter. Nicht nach Hamburg. Nicht in Altona aussteigen, nicht den Bus nehmen, nicht die Wohnungstür aufschließen, nicht wieder überrascht feststellen, welch hässliche Wandfarbe da vorherrscht, nicht wieder hoffen, dass man sie nicht mehr lange sehen muss. Und dann passiert alles genau so. Plus die letzten, völlig aus der Spur geschleuderten Raucher in der Februarluft an diesem metallisch hingerotzten Busbahnhof. Plus der Geruch von kaltem Cheeseburger im Bus selbst. Plus später eine tätowierte Eidechse auf einem aus der Form geratenen Frauenhintern im Elixia/Holmes Place. Bei Edeka erklärt ein Mann, wie man die Reife einer Ananas erkennt. Dass eine Ananas (noch nie gekauft) 1,49 kostet - Zahlentag heute, wie immer - erstaunt mich am meisten. Ich hätte geschätzt: 5, also 4,98. Bode Miller wird nicht 1. Danach den Tag abgeschaltet wie ein Radio. Das nahezu ununterbrochen "Pray for Rain" von Massive Attack gespielt hat. Zwischendurch mal Madsen. Merkwürdig. Hätte ich mir nicht so ausgesucht. Woanders ist Rosenmontag, sehe ich gerade. Meine Großmutter hätte gesagt: So hat jeder sein Päckchen zu tragen.
kapitaelchen - 15. Feb, 21:23