Dienstag, 11. Mai 2010

Durchblick.

VERTRAGSGEMÄSS ALLE 6 Wochen - ich glaube allerdings eher alle 4, gezahlt wird nach Besuch - kommt der Fensterputzer ins Schüppchen. Er ist eher klein, hat einen Kugelbauch, einen Schnauzer, er sieht immer aus, als wäre er gerade beim Barbier gewesen. Ein Hamburger Michelin-Männchen in grüner Latzhose und schwarzem T-Shirt. Schiebt das Schaufensterregal lässig nach hinten, wenn er an die Innenscheibe muss. Wir Mädchen schaffen das nur zu zweit. Unter Schmerzen. Ich mag den Fensterputzer. Er ist schon auf den ersten Blick nicht der Hellste unter der Sonne. Er ist lieb. (ABER er ist lieb oder UND DARUM ist er lieb?) Er wischt also die Fenster ab, dann kommt er zur Kasse, lässt sich seine 19,04 auszahlen. Heute zudem: "Sagen Sie mal, Sie sind doch eine kluge Frau." Ich schüttele den Kopf. "Na, Sie sind belesen, all diese Bücher hier." Ich schüttele den Kopf. "Doch, doch. Also: Was ist der Sinn des Lebens?" Ich schüttele wieder den Kopf. Ich bin doof, ich rede nur meistens so schnell, dass es keiner merkt. Der Sinn des Lebens. Kleiner hat er es wohl gerade nicht. Aber wie immer, wenn es ums Grundsätzliche geht, wollen die Leute gar nicht die Antwort hören. Sondern nur ihre eigene Erkenntnis zum Besten geben. Fenster-Michel sagt: "Der Sinn des Lebens ist, füreinander da zu sein, sich zu helfen und teamfähig zu sein." Teamfähig zu sein, woher hat er das bloß? Ich nicke, bleibe stumm. "Also so sehe ich das. Ist ja schön, reich zu sein und so, aber ich glaube, der Sinn des Lebens ist das andere, oder?", er schaut mich erwartungsvoll an, aber ich nicke nur wieder. "Na ja, ich wollte nur mal Ihre Meinung wissen, aber Sie sehen das ja auch so, oder?" Halbes Nicken und Lächeln. Er macht sich auf den Weg, bleibt aber oben auf der Treppe stehen, dreht sich um. "Noch eine kleine Frage. Glauben Sie an Wiedergeburt?", kleine Frage, was hat der Mann genommen? Und warum erwischt es immer mich bei solchen Gelegenheiten? Ergebnis jedenfalls: Ich zweifele schwer, dieses Mal sogar mit fünf Worten, er ist überzeugt, er kommt noch einmal wieder auf die Erde, allerdings eher nicht als Tier. Und dann geht er. Ich stehe im Schüppchen, die Fenster sind sauber, überlege kurz, was noch einmal gleich der Sinn des Lebens ist und wie es sich exakt mit der Wiedergeburt verhält. Nach zwei Minuten marschiert eine Millionärsgattin herein und beschwert sich, dass ihr 78-jähriger Mann sich bei den jungen Frauen aufführt, als wäre er 28. Frau knallt Prada-Portemonnaie auf den Tresen und sagt: "Ich halte es nicht mehr aus, ich finde den inzwischen so widerlich." Und so geht das den ganzen Tag, eine Tretmine nach der anderen, ich stehe da und mache jeden Mist mit. Das jetzt seit fast 9 Monaten, und es erscheint mir, als wäre diese ganze Zeit ein einziger Witz, allerdings ohne den Hauch einer Pointe. Die fällt mir an dieser Stelle auch nicht ein. Vielleicht gibt es den Lacher zu dem ganzen Krempel in meinem nächsten Leben als Fensterleder.

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