Bücher
DER EINZIGE Ort, wo auch noch einmal zwei Gedanken entstehen, die sich nicht schon x-mal durch das Hirn geschlammt haben, ist inzwischen dieser erbarmungswürdige Vitalclub. Gestern, nach dem Laufen und während der Gewichte, plötzlich: Der ist gut, der neue Roth. Hatte vier Tage in der Hirnschublade gelegen. Erstes Urteil war: ärgerlich, ärgerlich, insbesondere diese altherrige Sexgeschichte. Aber auch da schon: Das übers Altern, das ist großartig. Bruder-Urteil: schreckliche Dialoge, aufgepumpte Erzählung, mag ich gar nicht. Und er mag ihn sonst oft sehr, sehr gern. Jetzt also meine subjektive Gewissheit, es ist ein gutes Buch, denn lässt man das, nicht unbeträchtliche, Gesabbere mal beiseite, dann bleibt das, was Roth geschrieben hat über die Angst, in seiner Talentzweitklassigkeit entdeckt zu werden und vor allem über dieses Gefühl, wenn man weiß, man kann es nicht mehr, etwas ist vorbei, man hat es nicht mehr, man wird es nie mehr haben. Es ist schon furchtbar, dass die anderen es merken, kommt dann noch hinzu, vom Applaus dieser Menschen in welcher Hinsicht auch immer abhängig zu sein, dann ist es ein Desaster. Das ist so wahr und brillant beschrieben, dass es - bleibt. Werde ich nicht vergessen, werde ich immer mit diesem Buch verbinden. (Während ich von den zwölf Büchern des letzten Monats bereits neun wieder völlig verdrängt habe, und die anderen werden auch bald folgen.) Eine Kundin fragte mich: "Der neue Roth, ist der wieder Prostata?", tja, schwierige Frage. Prostata mit Seele vielleicht. Hm. Nachher ist Dauerlauf. Mal sehen, welche Erkenntnisse mir zu "Hummeldumm" von Tommy Jaud kommen. Unfassbar, was ich so alles lesen muss. Und darf.
kapitaelchen - 14. Mär, 16:34
HANSER wirbt u.a. mit dem zitierten Satz von Aftenposten: "Ein spannendes Buch mit einem starken, faszinierenden Schluss.". Darin sind so ziemlich alle Lügen über dieses Buch versammelt. Es ist langweilig. Richtig langweilig. Geraune um die großen Themen, so schon tausend Mal gehört, ein Klischee jagt das nächste und kriegt es auch, mit den Binsenwahrheiten geht es nicht anders, den Rest liest man in "Astrophysik für Dummies" oder "Eso for you" besser, der Schluss ist so unüberraschend wie die Standpunkte. Gefasel im Mail-Look. Glaubt man übrigens auch nicht, diese Konstruktion. Norwegische Fingerhut-Philosophie an Esoterik-Schleim. Langweilig, langweilig, langweilig. Gaarder lässt dozieren, man selbst gähnt. So ein überflüssiger Scheiß. Hoffentlich gibt es keine Fortsetzung in dem Stil: Jetzt sabbelt die Frau aus dem Jenseits und erzählt, wie das alles in Wirklichkeit ist, mit dem Tod und dem Leben und sowieso. Eine meiner Aushilfen, die Ich-würde-gern-in-der-Isestraße-wohnen-bin-aber-zu-arm-Lesbe, hat gesagt, den Gaarder verkauft sie mir locker und ungelesen. Geht auch nicht anders, wer den Mist durchlitten hat, fasst das Buch nicht mehr an. Als nächstes steht Walser auf dem Plan, "Mein Jenseits". Kann nur besser sein. Kunststück.
kapitaelchen - 22. Feb, 12:24
SCHON wieder ein Krimi, bei dem die Handlung eigentlich nicht so wichtig ist. Also man braucht sie natürlich, denn sonst wäre es nur eine Studie, und das Buch stünde in einem anderen Regal. Aber im Grunde ist es völlig egal, wer warum von wem ermordet wurde. Um Mord geht es dann irgendwo doch immer noch. Das war bei Ken Bruen so, "Jack Taylor fliegt raus", und das war eben gerade bei Friedrich Ani "Totsein verjährt nicht" so. Zwischendurch habe ich mal von Lee Child "Größenwahn" gelesen (hat eine hübsche Kundin empfohlen), wo noch ganz klassisch Augäpfel zerquetscht wurden und es kompliziertere Konstellationen gab. Eher ein Hüftsteak unter den Krimis; mag ich mitunter auch sehr. Jack Taylor lebt von der Coolness, irisch. Polonius Fischer, der Kommissar bei Ani, von der Zerrissenheit, dem Selbstzweifel, deutsch eben. Und es gefällt mir gut. Vierzig Seiten vor Schluss war ich noch eimal im Fitnessclub, lief meine Kilometer auf dem Laufband, schaute dabei auf die Bahnschwimmer im Pool - und sie taten mir alle leid. Ich mir selbst auch, klar. Wir verlorenen Seelen. Schmerzen, umhüllt von atmungsaktiven Klamotten und abgefedert durch Stabilität verleihende Adidas-Schuhe, diese an Füßen, welche täglich durch das Fegefeuer gehen. Jetzt werde ich mich mit weidwunden Ani-Augen durch die Nacht schlagen. Morgen früh muss ich dann das neue Buch von Gaarder lesen. Komischer Beruf, in den ich da geraten bin. Aber praktisch, wenn man, wie ich, ohnehin keine eigene Perspektive hat. Eigentlich könnte ich mal wieder die Bibel lesen.
kapitaelchen - 20. Feb, 21:22